Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Aufschneider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 09.03.2015

413_Faule Kompromisse

Man muss in der Ehe hier und da Kom­pro­misse ein­ge­hen. Das beginnt bei der ers­ten Ein­rich­tung, die aus zwei Bestän­den etwas ziel­los kom­bi­niert wird und gegen­sei­tige Tole­ranz erfor­dert und endet bei der Anschaf­fung von Kla­mot­ten. Ich zum Bei­spiel trennte mich ganz frei­wil­lig ziem­lich rasch von einem sehr apar­ten schwar­zen Ober­hemd aus Poly­es­ter. Sara hörte im Gegen­zug irgend­wann damit auf, den roten Regen­man­tel zu tra­gen, mit dem sie immer aus­sah wie der Zwerg in „Wenn die Gon­deln Trauer tra­gen.“ Ich bekam bei jedem Spa­zier­gang eine Höl­len­pa­nik, wenn sie das
Ding anhatte.
Mit den Jah­ren haben wir uns in fast allen Lebens­be­rei­chen sehr ange­nä­hert. Da gibt es keine gro­ßen Über­ra­schun­gen mehr. Es wäre aber auch sehr merk­wür­dig, wenn mir nach zwan­zig Jah­ren und dem 3461. Fenchel-Risotto auf­fiele, dass Sara über­haupt kei­nen Fen­chel mag. Nur in einem ein­zi­gen Punkt gelingt uns wirk­lich über­haupt kein gemein­sa­mer Nen­ner: Meine Frau mag Musi­cals. Und ich nicht. Ich kann Musi­cals nicht aus­ste­hen.
Es hat sich mir nie erschlos­sen, warum man mit­ten im Film stän­dig los­sin­gen muss. Und die meis­ten Lie­der sind auch so wahn­sin­nig scheuß­lich. Sehr selt­sam ist es, wenn ein Song zu Ende geht. Nie­mals sagt dann jemand, was man eigent­lich in so einem Moment sagen müsste, näm­lich: „Ent­schul­di­gung, aber haben wir da gerade wirk­lich ernst­haft gesun­gen?“ Wobei ich sagen muss, dass eine schöne Gesangs­ein­lage durch­aus den Reiz eines Fil­mes erhö­hen kann. Bei „Shi­ning“ würde ich zum Bei­spiel sehr gerne zwi­schen­durch ein Lied­chen hören. Oder bei „Alien.“ Das würde mir gefal­len, wenn das Mons­ter auf dem Gesicht des Astro­nau­ten säße und dar­über sänge, dass es acht Beine, aber kein Herz besitze. Aber die meis­ten Musi­cals sind ja eher roman­ti­schen Inhalts. Da geht es immer nur um Sehn­sucht und so etwas.
Für unser Zusam­men­le­ben spielt Saras Musical-Vorliebe zum Glück keine Rolle und das wird auch so blei­ben, es sei denn, sie beginnt eines Tages damit, Musi­cals zu schrei­ben und zu kom­po­nie­ren. Das könnte einen Keil in unsere ansons­ten har­mo­ni­sche Paar­be­zie­hung trei­ben. Aber bis­her nahm sie Rück­sicht auf meine ästhe­ti­schen Gefühle und kün­digte recht­zei­tig an, wenn sie Freun­din­nen ein­la­den wollte, um mit ihnen „Mamma Mia“ oder „Evita“ anzu­se­hen. Ich ging dann ein­fach für drei Stun­den bei Schnee­re­gen in den Wald und kratzte Moos von den Bäu­men, das ich lang­sam kaute, um mich leben­dig zu füh­len.
Neu­lich war es jedoch mit ihrer fei­nen Zurück­hal­tung vor­bei. Da kam sie mit zwei Ein­tritts­kar­ten in der Hand in mein Büro und ver­kün­dete freu­de­strah­lend, dass ein Musi­cal– Ensem­ble in der Stadt gas­tiere. „Phan­tom der Oper“. Und dann sagte sie, wir wür­den zu wenig mit­ein­an­der unter­neh­men. Ich jam­merte, das sei ein­fach zu viel ver­langt. Dar­auf­hin ver­sprach sie, mich im Gegen­zug beim Besuch eines Stock Car-Rennens zu beglei­ten.
Das Phan­tom war dann wirk­lich ganz, ganz schlimm. Der Inhalt, das Büh­nen­bild. Das fana­ti­sche Publi­kum. Der Typ mit dem hal­ben Tel­ler im Gesicht. Furcht­bar. Aber auch irgend­wie sehr lus­tig, denn es han­delte sich um ein ame­ri­ka­ni­sches Ensem­ble. Die Dar­stel­ler dekla­mier­ten ihre Texte des­halb mit einem star­ken US-Akzent, über­dies wurde ich den Ver­dacht nicht los, dass die Leute auf der Bühne eigent­lich gar keine Ahnung hat­ten, was sie da genau sag­ten, denn sie beton­ten prak­tisch jede ein­zelne Silbe ihrer Dia­loge falsch.
Das Phan­tom sagte zum Bei­spiel in einer wirk­lich ein­dring­li­chen Pas­sage: „Furr Dick bin ick­dock nur eine Scheu­sel!“ Und als es spä­ter roman­tisch wurde, rief der Betel­lerte: „Horst Du wie die Tou­ben görrn? Horst Du wie die Vogel swit­chen?“ Ich bog mich vor Lachen, so etwas Lus­ti­ges habe ich auf einer Thea­ter­bühne wirk­lich noch nie gehört. Nach­dem sie mir zwei Mal aufs Bein gehauen hatte, fiel Sara auch auf, was das für ein unglaub­li­cher Käse war. Wir lach­ten dann gemein­sam, wenn auch nicht die ganze Zeit, denn das war ein sehr lan­ger Abend mit viel Musik und sehr schreck­li­chen Lie­dern. Ich wurde dann doch sehr müde und war froh, als ich nach Hause durfte.
Und erst auf dem Heim­weg bemerkte ich, dass Sara mich über den Tisch gezo­gen hat. Ich mag näm­lich über­haupt keine Stock-Car– Ren­nen. Und jetzt muss ich da auch noch hin.